E-Mail-Flut und ein berstendes World Wide Web verärgern die Surfer – Jetzt sollen Newsfeeds das Datenchaos organisieren – so die Stuttgarter Zeitung
So schön und hilfreich es auch ist, das Internet, man hat mit ihm doch auch seine liebe Not. Die Geschichte des weltumspannenden Datennetzes ist ja im Grunde bis heute eine Suche geblieben nach dem besten Umgang mit den vielmillionenfachen Datenquellen. Vor allem das World Wide Web, der neben dem E-Mail-Verkehr heute gebräuchlichste Internetdienst, hat seine Kinderkrankheiten nicht überwunden. Das Web ist – Google hin, Bookmarks her – unstruktiert und unbezähmbar und mitunter ist es auch schlichtweg unbrauchbar, weil es zu viele Daten auswirft oder zur Ansicht mancher Seiten eine spezielle Software verlangt.
Was Hypertextlinks, Suchmaschinen, dynamische Webseiten und Spamfilter nicht geschafft haben – nämlich Ordnung ins Datenchaos zu bringen -, verspricht eine Technologie, die auf die Abkürzung RSS getauft wurde. Für diesen griffigen Namen gibt es gleich drei Übersetzungen – auch das ist typisch Internet. Die Gebräuchlichste lautet Really Simple Syndication. Übersetzt drückt das ganz gut aus, was RSS kann: Es ist eine Technik, die auf ganz einfache Art Informationen aus verschiedenen Quellen im Web sammelt und diese in einer einheitlicher Darstellung zur weiteren Nutzung zur Verfügung stellt.
Stellen wir uns ’mal eine Cappuccinomaschine vor: Oben kommen die unterschiedlichen Zutaten rein. Das Mahl-, Brüh- und Dampfmaschinchen zaubert auf Knopfdruck daraus ein leckeres Heißgetränk und das in einem Bruchteil der Zeit, die man bräuchte, um all das mit Omas Kaffeemühle, Porzellanfilter und Milchtopf zu machen. Ganz ähnlich verfährt RSS-Software auch mit Seiten im World Wide Web. Es zermahlt den HTML-Code, es extrahiert daraus die eigentlich wertvolle Information, es lässt Texte, Bilder und Links durch einen Filter laufen und gießt diese schließlich in eine Datenbank. Von dort kann man sie auf Knopfdruck abrufen – beispielsweise in einer Artikelliste, die cleveren Suchmöglichkeiten bietet; oder als Füllmaterial für eine eigene Homepage; oder als Inhalt für ein Redaktionssystem, um daraus wieder Inhalte für neue Webseiten zu machen.
Das Ziel von RSS ist also, eine Rückkehr zur einfachen Informationssichtung. Dem bunten, lauten und flashigen Web setzt RSS eine strukturierte Informationsdarstellung entgegen, die auf XML (einer Weiterentwicklung von HTML) basiert.
Die Uridee hierzu entstand bereits 1997. Zwei Jahre später stellte der damalige Browseranbieter Netscape ein erste nutzbare RSS-Sammeltechnik vor. Vier Jahre später – maßgeblich angeschoben durch die Weblog-Netzkultur – kam RSS in die Gänge. Und im Jahre 2006 steht der eigentliche RSS-Boom bevor. Denn neue Software, die jetzt auf den Markt gekommen ist, macht erstmals die Nutzung von RSS-Newsfeeds ganz, ganz einfach.
Internetbrowser wie Firefox, Opera oder Safari haben sich des Themas angenommen und integrierten RSS-Techniken in ihre Oberfläsche. Ganz innovativ reiht Firefox zum Beispiel den abonnierten Newsfeed in einen Ordner für Lesezeichen ein. Nach jeder Aktualisierung sind dort neue Meldungen als active bookmarks abgelegt und auf Knopfdruck surft man zur Seite des jeweiligen Anbieters. Dass das Surfen als typische Form der Web-Nutzung damit am Ende sei, ist übrigens eine verbreitete Fehleinschätzung. RSS macht das World Wide Web und die dort abgelegten Informationen keineswegs überflüssig, es weist vielmehr einen schnelleren Weg zur richtigen Information.
Doch in der Tat ändert sich durch RSS die Art, wie der Internetnutzer seine Infoquellen besucht. Das kostenlose Mailprogramm Thunderbird betrachtet einen RSS-Newsfeed zum Beispiel wie eine E-Mail. Startet man das Programm, ruft es eben nicht nur die elektronische Post ab, sondern auch die abonnierten Nachrichtenanbieter. In der Nutzung sind beide Dienste dann wieder vollkommen identisch – auf einen Klick hin gelangt zur eigentlichen Nachricht auf dem Server des Anbieters. Zusätzlich kann man über Suchkriterien und Filtermechanismen das RSS-Angebot weiter ausdünnen um wirklich nur noch jene Nachrichten zu erhalten, die man suchte.
Weil RSS aber auch wieder dazu genutzt werden kann, um aus dem gesammelten Material neue Webinhalte zu erstellen, ist derzeit eine durchaus fragwürdige Entwicklung im World Wide Web zu beobachten: an zahlreichen digitalen Wegkreuzungen sind sogenannte RSS-Portale hochgezogen werden. Sie sind Sammelbecken für zahlreiche RSS-Nachrichtenkanäle. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, muss bezweifelt werden. Denn solche Portale füllen wieder unzählige Webseiten. Ob Mega-RSS-Kioske auf Dauer überleben, darf vorerst jedenfalls bezweifelt werden. Zudem agieren sie auf rechtlich fragwürdigem Boden, da sie selbst nicht die Nutzungsrechte an den Newsfeeds besitzen.
Was also bleibt? Hoffnung: RSS kann im besten Fall im Web diese eine, kleine Meldung finden, die alle Mühe wert ist. Und dann den Rechner aus und raus. Draußen riecht’s nach Frühling. Ist doch really simple.