Was der Mensch zählt (gefunden bei lawblog)
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Mit Stasi-Methoden ließ der Discounter Lidl seine Mitarbeiter ausspionieren. Der Skandal offenbart den ökonomischen Status des Faktors Persönlichkeit.
Bevor die Kasse klingelt, lächelt die Kassiererin: „Haben Sie eine Payback-Karte?“ Den Spruch kennt jeder, und wer die Karte hat, bekommt Prozente oder Punkte. Wer bar zahlt und ohne Rabattkarte, hat vielleicht seine Gründe, will kein „gläserner Kunde“ sein, keine Spuren hinterlassen, will anonym bleiben. Über das Lächeln der Kassiererin kann er sich trotzdem freuen. Vielleicht gilt es ja ihm persönlich. Schon die Illusion, dass es so sein könnte, tut gut. Dass auch sie dem Geschäft dient, nimmt der Kunde gerne in Kauf.
Der Lidl-Skandal offenbart, welche große Rolle der Faktor der menschlichen Persönlichkeit beim Transfer von Waren und Geld auch heute noch spielt. Mit professioneller Akribie haben die Überwacher der Discounter-Filialen notiert, ob sich ihre Zielpersonen normgerecht verhielten. Säuberlich vermerkten sie Benehmen und Habitus, Kleidung, Auftreten und Hinweise auf Arbeitsmoral ihrer Beobachtungsobjekte. Die Heimlichkeit ihres Tuns spiegelt das offenbar Illegale ihrer Angriffe auf das Persönlichkeitsrecht der Betroffenen. Dabei ist Lidl nicht allein: Gewerkschafter behaupten, auch beim Drogisten Schlecker säßen bezahlte Spitzel stundenlang hinter Lochwänden und beobachten das Tun und Lassen des Personals.
Die skandalösen Praktiken erlauben Einblicke in die Ideologie des Konsums. In der Supermarktwirtschaft der Gegenwart wird nicht nur der Kunde zu einer transparenten Größe. Auch den ihm begegnenden Repräsentanten des Unternehmens gilt die Sorge der spätkapitalistischen Kontroll-Apparatschiks. Stimme, Stimmung, Auftreten: Wenn es ums Geld geht, wird praktisch alles zum Indiz. Für die Image-Ökonomen von Lidl und anderen zählt der ganze Mensch.
Als Spezialfall der Kontrolle bildet die Videoüberwachung ein Phänomen der Moderne. Im Mittelalter, um 1250, installieren die Zünfte Werkglocken, um Beginn und Ende der Arbeitszeit allgemeinverbindlich zu signalisieren. Bald aber schon geht es um die Kontrolle der Kontrolleure: Die Nachtwächter der Frühen Neuzeit müssen durch Gesang oder das Schlagen einer Glocke die Mitbürger ihrer Aktivität versichern. Später kommen klügere Systeme zum Einsatz: Um 1800 werden in München erste Kontrolluhren zur Überprüfung von Polizisten eingeführt, auch hier Instrumente zur Kontrolle des Sicherheitspersonals.
Das industrialisierte 19. Jahrhundert verfeinert diese Mechanismen bis hin zur Entwicklung von Einschreibapparaten und Stechuhren für Arbeiter und Angestellte. Eine Kollektion solcher Uhren präsentiert ab kommenden Mittwoch das Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit. Die Schau zeigt, dass die Überwachung des Personals nicht nur der Sicherung zeitlicher Abläufe dient: „Ein Ziel der Mitarbeiterkontrolle war immer der Schutz vor Unterschleif“, sagt Thomas Kosche vom Mannheimer Landesmuseum. In dieser Tradition sieht sich auch Lidl. „Kontrollen der vorhandenen Arbeitsabläufe und Verhaltensweisen“, zitiert die Illustrierte „Stern“ eine Sprecherin des Unternehmens, seien „unablässig. Diese dienen aber nicht der Mitarbeiterüberwachung, sondern der Feststellung eventuellen Fehlverhaltens.“ Wahrscheinlich meinte die Dame „unabdingbar“; immerhin bringt sie zum Ausdruck, dass sich die Überwachungsaktion einer durchaus bewussten Normierungs-Ideologie verdankt.
Ein Discounter wie Lidl ist nicht irgendein Ort. Er steht für eine hoch entwickelte Form des funktionalen Umschlags von Ware in Geld, für ein Maximum an Umsatz durch ein Minimum an Personal. Abstrakter, entpersonalisierter ist da nur der Handel über Katalog oder Internet. Wo sich Produkt und Kapital begegnen, winken die Waren dem Geld mit den „Liebesaugen“ der Preise, glaubte Karl Marx.
Diesen werbenden Blicken haben sich mit den Kameras der Überwachungsdetektive nun andere beigesellt. Die vom „Stern“ dokumentierte Spitzel-Prosa gleicht den Elaboraten aus den Akten der Birthler-Behörde: „Obwohl Frau N. bis jetzt im Bereich Non-Food/Aktionsware immer noch nicht allzu viel geschafft hat, macht sie pünktlich ihre Pause. Sie sitzt zusammen mit Frau L. im Pausenraum; die Kräfte unterhalten sich über Gehälter, Zuschläge und bezahlte Überstunden. Frau N. hofft ebenfalls, dass ihr Gehalt bereits heute gutgeschrieben wurde, da sie für heute Abend dringend Geld benötigt (Grund = ?).“ Die offene Gleichung weist in die Zukunft der Überwachung. Wo es um den ganzen Menschen geht, werden auch jene Faktoren erfasst und zum Sprechen gebracht, die außerhalb des Arbeitsprozesses liegen. Sicher wüssten die Beobachter mehr über das „eventuelle Fehlverhalten“ ihrer Studienobjekte, wenn sie auch deren Payback-Karten lesen könnten.
Die die Überwacher der Stasi erfassen die Lidl-Spitzel ihre Objekte mit möglichst allen Sinnen: „Frau Z. erscheint mit dem Fahrrad zum Dienst, wobei ihr Lidl-Shirt an allen Arbeitstagen bereits vor Dienstantritt durchgeschwitzt war, was man nicht nur optisch, sondern auch vom Geruch her wahrnehmen konnte.“ Es gehört zur Dialektik der Aufklärung, dass nur eine totale Kontrolle eine gute ist; dann können auch T-Shirts aussagen.
„Meines Erachtens hat Herr T. überhaupt keine Firmenidentifikation“, meldet ein besorgter Detektiv, „auch was konkret ein Vorgesetzter ist und bedeutet, scheint er nicht zu wissen oder wissen zu wollen.“ Besser lassen sich die totalitären Tendenzen der Marktwirtschaft kaum beschreiben. Nicht allein seine Arbeitskraft schuldet der Arbeitnehmer seinem Unternehmen. Wer im nachindustriellen Kapitalismus bestehen will, muss als Soft Skill die Identifikationsleistung mit der „Firma“ erbringen: „Frau U. schien mir nicht ganz bei der Sache zu sein, spricht sehr unkonzentriert“, steht in einem Protokoll vom Oktober 2007, „liegt vielleicht daran, dass sie diese Woche heiratet. Dann hätte sie allerdings die ganze Woche Urlaub nehmen müssen, wenn sie derart verwirrt ist.“
Frau U.s Scheitern an den Normierungshürden der Institution Lidl zeigt, dass sie noch einem klassischen Begriff von Arbeit als kalkulierbarer Entfremdungsleistung verpflichtet ist. Sie muss noch lernen, dass in der Postmoderne die ganze Persönlichkeit gefordert ist. Für die Mitglieder der Angestellten- und Unternehmereliten ist das längst selbstverständlich. Der Lidl-Skandal macht deutlich, dass nun auch in den traditionellen Niedriglohnsektoren das Gesetz der inneren Anpassung waltet. In früheren, vergleichsweise primitiven Zeiten ließ sich die Leistung des Arbeitstags noch in Stunden oder Stückzahlen quantifizieren. Nach der Arbeitsphase lag die Zeit der Muße, der Rekreation; historischer Fortschritt bestand in der zunehmenden Ausdehnung dieser Spanne. Das andere der Arbeit wurde zum Maß der Freiheit. Damit dürfte es jetzt vorbei sein.